• JiveX in der Med 360° Gruppe

Die Radiologie entwickelt sich stetig weiter und mit ihr auch JiveX. Eine der aktuell größten Veränderungen ist die hin zur strukturierten Befundung. Die Erwartungen: Mehr Qualität, mehr Vergleichbarkeit und effizientere Prozesse. Um den Bedarf der Radiologinnen und Radiologen künftig decken zu können, konzipiert VISUS das JiveX Enterprise PACS dahingehend weiter, dass es in Zukunft sowohl einfache Befundprozesse  abbilden als auch die strukturierte Befundung unterstützen kann. Die Med 360° Gruppe zählt zu den Pionieren , die diese Technologie zukünftig einsetzen wollen.

Struktur schafft Qualität

Im Gespräch mit VIEW berichten Bastian Werminghoff, Vorstand der Med360° für den Bereich Technologien, Medizintechnik, Medizin-IT und Bauen, sowie Janine Stucke-Ring, Produktmanagerin des JiveX Enterprise PACS bei VISUS, darüber, welche Ziele erreicht werden sollen und welche Herausforderungen überwunden werden müssen.

VIEW: Herr Werminghoff, was verstehen Med 360° und die Anwenderinnen und Anwender in Ihrem Haus unter strukturierter Befundung?

Bastian Werminghoff: Wir orientieren uns intern an der Definition der Deutschen Röntgengesellschaft (DRG). Demnach ist ein strukturierter Befund der Stufe 1 zunächst einmal thematisch strukturiert. Das bedeutet, dass jeder Befund einem inhaltlichen Raster folgt. In der zweiten Stufe werden dann innerhalb der einzelnen inhaltlichen Abschnitte vorformulierte Textbausteine und Diagnosen verwendet. Ein Beispiel dafür sind die BI-RADS-Klassifizierungen beim Brustkrebs. Und in der dritten Stufe werden in den Textbausteinen dann nur Wörter aus einem kontrollierten Vokabular verwendet. Zum Beispiel aus der RadLex-Welt, in der definiert ist, wie bestimmte Erkrankungen beschrieben werden. Das ist die schwierigste Stufe. Da wird dann festgelegt, ob künftig bei Knieverletzungen noch von einer „unhappy Triad“ gesprochen werden soll oder der gleichzeitigen Schädigung des Innenbandes, Innenmeniskus und des Kreuzbands. Für welche Befundungsstufe man sich entscheidet, hängt auch davon ab, was zum Beispiel die behandelnden Orthopädinnen und Ortopäden erwarten. Das kann man pauschal nicht beantworten, sondern nur gemeinsam im Team entscheiden.

VIEW: Auf welcher dieser Stufen befindet sich das deutsche Gesundheitswesen aktuell?

Bastian Werminghoff: Leider trifft es zu, dass im deutschen Gesundheitswesen noch viel mit Faxgeräten gearbeitet wird. Zwar haben sich die einzelnen Fachgesellschaften auf Textbausteine geeinigt und auch die DRG stellt Befundvorlagen zum Download bereit, diese werden jedoch in der Praxis immer noch viel zu selten genutzt. Durch die Erweiterung im JiveX Enterprise PACS erhoffen wir uns hier deutliche Fortschritte.

Janine Stucke-Ring: Wie wir bei VISUS das mitbekommen, steht die Radiologie in Deutschland insgesamt aktuell zwischen der ersten und der zweiten Stufe. Die derzeitigen Befundvorlagen der DRG oder RSNA werden kaum genutzt, weil sie weder in bestehende Infrastrukturen noch in klinische Abläufe eingebunden sind. Sie können heruntergeladen und in einem einfachen Tool genutzt werden, liegen dann aber in der Zwischenablage und stehen somit nicht sinnvoll zu Verfügung.

VIEW: Liegt das daran, dass die Hersteller  die strukturierte Befundung nicht in ihren IT-Lösungen abbilden?

Janine Stucke-Ring: Aktuell gibt es keinen Hersteller, der die Templates in seine Software einbindet, so dass man sie nutzen kann. Wir als VISUS verfolgen aktuell eine dreistufige Strategie, um die strukturierte Befundung abzubilden. Im ersten Schritt wird der Befund-Workflow über das PACS abbildbar sein. Schritt zwei ist dann, die entsprechenden Templates anzubieten, so dass man sie laden und befüllen kann und sie gespeichert im Befundlebenszyklus abgebildet werden. Den finalen Schritt, also die vollständig strukturierte Befundung, werden wir dann mit Partnerinnen und Partnern gehen, die spezialisiert auf strukturierte Befundung und die dahinterliegenden Entscheidungsbäume sind. Allein wäre diese Aufgabe gar nicht zu stemmen, weil die Pflege und Aktualisierung der Templates enorm viel Arbeit verursacht, die nur von spezialisierten Anbietenden auf einem hohen Niveau erledigt werden kann. Und eine immer gewährleistete Aktualität der Templates ist eine unabdingbare Voraussetzung für eine sinnvolle strukturierte Befundung.

VIEW: Die Einführung der strukturierten Befundung ist kein rein technisches Problem, sondern ein kulturelles. Wie erreicht man als Einrichtung einen Wandel der Arbeitsweise der Nutzenden?

Werminghoff: Wie schnell der Wandel gelingt, hängt insbesondere von der intrinsischen Motivation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Innovation ab. Die Herausforderung für die Geschäftsführung liegt darin, zu vermitteln, warum wir das Ganze machen. Ein ganz wichtiges Ziel ist zum Beispiel, dass wir den Patientinnen und Patienten Befunde mitgeben möchten, die sie verstehen. Das muss nicht in einem ersten Schritt der strukturierte Befund sein. Aber es gibt Anbietende, die Befunde in einfache Sprache übersetzen. Da hilft ein strukturierter Befund natürlich.

Eine weitere Hoffnung ist, dass wir durch die strukturierte Befundung künftig die Zeit bis zur Befunderstellung verkürzen können – unter Einhaltung aller Qualitätsmerkmale entlang der Guidelines der Fachgesellschaften. Unser Ziel in der Regelversorgung ist 24 Stunden für einen radiologischen Befund. Wir denken aber noch weiter: Unsere Radiologinnen und Radiologen sind Dienstleistende. Sowohl für unsere eigenen Fachabteilungen als auch für externe Einrichtungen. Damit geht ein hoher Qualitätsanspruch einher, den wir bedienen möchten. Darum betrachten wir den gesamten Prozess. Also nicht nur den strukturierten Report als Ergebnis, sondern auch den Weg dorthin. Und die strukturierte Vorgehensweise kann durchaus dazu führen, die gewohnten Pfade zu verlassen und eine ganzheitliche Perspektive einzunehmen. Dadurch erhalten wir einen Qualitätsgewinn.

VIEW: Strukturierte Daten bieten auch für das Benchmarking und für die Forschung viel mehr Potenzial...

Werminghoff: In der Tat liegt in diesem Bereich gewaltiges Potenzial! Es ist ja so, dass Gesundheitseinrichtungen aktuell einen enormen Aufwand betreiben müssen, um Gesundheitsdaten für Auswertungen oder Forschung nutzen zu können. Datenschutz ist wichtig, jedoch können momentan weder die Einrichtungen noch die Patientinnen und Patienten die hohen Anforderungen vollständig erfüllen.  Wenn wir den Befundungsprozess  dann einmal vernünftig abbilden können, wollen wir natürlich so viel wie möglich aus den Daten rausholen. Und da hilft die Strukturierung, weil uns die Daten dann viel mehr relevante Informationen liefern – zum Beispiel auch für die Entwicklung von Lösungen basierend auf Künstlicher Intelligenz. Dafür brauchen wir strukturierte Datenbanken. Und eine möglichst breite Datenbank – die wir bei Med 360° potenziell haben, da wir Millionen von Bildern in unseren Einrichtungen erstellen.

VIEW: Welche Inhalte, Strukturen und Codierungen brauchen Sie denn, um diese Ziele zu erreichen?

Bastian Werminghoff: Allen voran muss es Datenmodelle geben, die auf einem gewissen Schnittstellenstandard basieren, Stichwort FHIR. Dann müssen wir uns auf Terminologien entlang der einschlägigen Kataloge wie zum Beispiel ICD-10, OPS, SNOMED, RadLex etc. einigen. Dabei ist es nicht ausreichend, wenn wir als Med 360° unsere Befunde entsprechend erstellen. Letztlich brauchen wir Datenqualitätsstandards in der gesamten Versorgungswirtschaft, um Daten übergreifend austauschen zu können.

VIEW: Welche Anforderungen ergeben sich daraus für Hersteller wie VISUS?

Bastian Werminghoff: Als Gesundheitsdienstleister erwarten wir eine den Regularien entsprechend zertifizierte Plattform. Was für VISUS selbstverständlich ist, haben gerade kleinere und neuere Unternehmen im Markt vielleicht nicht auf dem Schirm. Darüber hinaus ist es für uns enorm wichtig, die Befunde über eine Standardschnittstelle sektorenübergreifend an die jeweils behandelnden Ärztinnen und Ärzte liefern zu können.

Janine Stucke-Ring: Die Verwendung von Standards spielt auch bei der strukturierten Befundung eine wirklich große Rolle. Da haben wir als VISUS einen Vorteil, weil Standardisierung eine unserer Kernkompetenzen ist, auch, was die Schnittstellen betrifft. Denn natürlich ist es so, dass die strukturierten Daten auch von A nach B gelangen und sinnvoll gespeichert und verwaltet werden müssen.

Janine Stucke-Ring - VISUS

Janine Stucke-Ring
Produktmanagerin

Bastian Werminghoff

Bastian Werminghoff
Vorstand der Med360°