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Krankenhäuser im Allgemeinen und die IT-Abteilungen im Speziellen sind nicht gerade für übersprudelnde Budgets bekannt. Und trotzdem besitzen sie üppige Reichtümer, wahre Schätze sogar. Leider bleiben die vielerorts unentdeckt, weil sie nicht prachtvoll funkeln, sondern als schnöde Bits und Bytes daherkommen. Gemeint sind natürlich medizinische Daten, ohne die eine moderne Versorgung kaum noch möglich erscheint. Wann endlich machen sich Gesundheitseinrichtungen daran, diesen Schatz zu bergen?

 In der freien Wirtschaft leckt man sich die Finger nach dem Datengold, denn es ermöglicht enorme Effizienz- und Qualitäts-steigerungen in der Versorgung, bildet die Basis für Fortschritte zum Beispiel in der künstlichen Intelligenz oder für den Aufbau wissenschaftlicher Datenbanken. Und die einzigen, die dieses Gold in rauen Mengen und brauchbarer Qualität besitzen, sind die Krankenhäuser.

Digitalisierung ist die Grundlage, nicht das Ziel. 

Nun muss den Verantwortlichen in den Gesundheitseinrichtungen zugestanden werden, dass sie, was die digitalen Daten betrifft, sozusagen Neureiche sind. Denn die Digitalisierung in der Medizin erreicht erst jetzt einen Grad, der potenzielle Mehrwerte schafft. Darum ist aber auch genau jetzt der richtige Zeitpunkt zu erkennen, dass es mit der reinen Digitalisierung einzelner Prozesse allein nicht getan ist. Es braucht Strategien und ganzheitliche Lösungen, die über den bloßen Wechsel von papierbasierten hin zu digitalen Prozessen hinausgehen.

Das sehen übrigens auch die Anwender so. Der Marburger Bund veröffentlichte im Dezember 2017 die Ergebnisse einer Befragung von 1.800 angestellten Ärztinnen und Ärzten zum Thema „Digitalisierung im Krankenhaus“. Ein Freitextkommentar darin lautete so: „Wenn Digitalisierung durchdacht ist, von der Geschäftsführung als Kernkompetenz verstanden wird, den entsprechenden Rückhalt und ausreichende Investitionsmittel erhält, hat sie extremes Potenzial, die Arbeitsabläufe im Krankenhaus zu vereinfachen und medizinisches Personal von Bürokratie zu entlasten.“ Diese Einschätzung trifft ganz gut den allgemeinen Tenor der Umfrage, der grundsätzlich positiv ist: 46 Prozent der Befragten stellen eine Verbesserung der medizinischen Qualität der eigenen Arbeit durch die Digitalisierung fest, rund 40 Prozent geben an, dass die Arbeit beschleunigt wird. Positiv hervorgehoben werden zum Beispiel der schnellere Zugriff auf Patientendaten, das gleichzeitige Zugreifen auf Daten durch mehrere Personen oder die Vermeidung von Übernahmefehlern.

Aus der Befragung geht aber auch hervor, dass die Potenziale der Digitalisierung noch nicht komplett ausgeschöpft sind. Beispielsweise, weil immer noch zu häufig doppelt dokumentiert werden muss, digitale Akten nicht vollständig sind oder die Abfrage der Daten kompliziert ist. Ein Befragter bringt es so auf den Punkt: „Teilweise müssen zwei verschiedene Programme aufgerufen werden, um einen Vorgang abzuarbeiten. Wir produzieren riesige Datenfriedhöfe und verschwenden damit unsere Zeit.“ Eine wichtige Aufgabe der Kliniken besteht also darin, die vorhandenen Daten nicht verkümmern zu lassen, den Informationsgehalt zu verdichten und die Informationsverteilung zu verbessern. Was muss also geschehen? Die vorhandenen Daten müssen konsolidiert, in Verbindung zueinander gebracht und gesammelt verfügbar gemacht werden.

Hauseigene Prozesse vergolden

Aus der Umfrage des Marburger Bunds geht klar hervor, dass von Anwenderseite eine hohe Bereitschaft für die Nutzung von IT-Systemen besteht, die Vorteile liegen theoretisch klar auf der Hand. Nur müssen sie in die Tat umgesetzt werden. Für Mediziner ist der vollständige Zugriff auf medizinische Informationen – und zwar fall- oder patientenbezogen – das A und O. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, ist es notwendig, die Daten der unterschiedlichen Subsysteme einer Klinik mit ihren verschiedenen Formaten so zu harmonisieren, dass sie aus einem System heraus aufgerufen werden können. Dieses Zusammenführen der Daten hat noch einen weiteren Vorteil: Den Datenleichen in den einzelnen Subsystemen wird neues Leben eingehaucht, weil sie klinikweit verfügbar sind und neuen Kontexten zugeordnet werden können. Und die Klinik wird endlich wieder Herr über die eigenen Daten, die zuvor mitunter in abgeschotteten Systemen gefangen waren.

Einmal zusammengeführt, stehen sie nicht nur intern für die laufende Therapie zur Verfügung, sie erleichtern abschließend auch die Abrechnung und die Zusammenarbeit mit dem medizinischen Dienst – einfach, weil sie aus einem System heraus und über einen Viewer fallbezogen abrufbar sind. Das spart Zeit und unter Umständen bares Geld. Und es erleichtert die Zusammenarbeit mit ex- ternen Einrichtungen – zuweisenden Ärzten oder Partnerkliniken –, denen die Daten unter Berücksichtigung des landesspezifischen Datenschutzes zur Verfügung gestellt werden können. Doppeluntersuchungen oder Missverständnisse bei der Kommunikation über Sektorengrenzen hinweg werden vermieden, die Versorgungsqualität deutlich erhöht. Mit Blick auf den Aufbau eines Patientenfachs oder anderer Wege, dem Patienten Zugriff auf seine Daten zu verschaffen, kommen Kliniken mittelfristig gar nicht umhin, die medizinischen Informationen so aufzubereiten, dass sie gebündelt geteilt werden können.

Medizinischen Fortschritt gestalten

Eine Zusammenführung der Daten aus den einzelnen Systemen und Bereichen einer Klinik ist aber nicht nur für die Effizienzsteigerung der eigenen Prozesse von Wert. Auch in einem größeren Kontext ist es unerlässlich, das medizinische Gold zu schürfen. Das zeigen die Entwicklungen in der künstlichen Intelligenz (siehe Seite 20) und auch die hohen Fördersummen, die von der Politik in Projekte zur besseren Datennutzung investiert werden. Zum Beispiel die in das Projekt „MIRACUM“. Das MIRACUM-Konsortium (Medical  Informatics in Research and Care in University Medicine) wird im Rahmen der Medizininformatik-Initiative (MI-I) des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) ab 2018 für vier Jahre mit 32,1 Millionen Euro gefördert. Hinter MIRACUM stehen zurzeit acht Universitäten mit Universitätsklinika, zwei Hochschulen und ein Industriepartner; perspektivisch werden sich noch bis zu drei weitere Universitätsklinika dem Konsortium anschließen. Ziel ist, die derzeit sehr unterschiedlichen Dateninseln aus Krankenversorgung und Forschung in Daten- integrationszentren zusammenzuführen, um die Daten mithilfe von innovativen IT-Lösungen für Forschungsprojekte und konkrete Therapieentscheidungen zentral nutzen zu können. Im Rahmen des MIRACUM-Projekts soll an der Universitätsmedizin Mainz ein sogenanntes Datenintegrationszentrum entstehen.

Gunther Höning, der als Co-PI (PI = Principal Investigator) dieses Projekt an der Universitätsmedizin Mainz betreut, erklärt die Hintergründe: „Das Ziel des BMBF ist grob gesprochen, die Daten, die in der klinischen Routine erhoben werden, der Forschung zuzuführen. Und die in der Forschung gewonnenen Erkenntnisse sollen dann wieder zurück in die Versorgung fließen. Daraus ergibt sich folgende Anforderung: Es muss einen kontextübergreifenden Austausch und eine gemeinsame Nutzung von Daten und Wissen geben. Kontextübergreifend bedeutet in diesem Fall einrichtungsübergreifend.“

Wie diese Aufgabe technisch gelöst wird, bleibt den Konsortien selbst überlassen. Bei MIRACUM hat man sich auf den Einsatz von Open-Source-Quellen geeinigt, denn „nach Projektabschluss sollen auch nichtuniversitäre Einrichtungen angebunden werden. Damit das realistisch ist, müssen die Hürden so gering wie möglich sein“, so Gunther Höning. Hinter den Datenintegrationszentren verbergen sich im Prinzip medizinische Data Warehouses, die zum einen alle medizinischen Daten einer Einrichtung in Datenbanken bündeln. Zum anderen koordinieren sie die Datenanfragen der Konsortialpartner. So können die Einrichtungen Daten zur Beantwortung bestimmter Fragestellungen – zum Beispiel zu speziellen Genvarianten – von den Partnern anfordern. Die Anfragen werden zunächst von einer Kommission geprüft und so – sofern positiv beschieden – schnürt das Datenintegrationszentrum das entsprechende Datenpaket und archiviert den Originaldatensatz.

„Eine Herausforderung bei der Umsetzung sind die unstrukturierten Daten, also die Inhalte aus Befundbriefen. Bei Daten, die eine semantische und organisatorische Interoperabilität verlangen, setzen wir auf Standards wie LOINC- oder IHE-Profile, deren Anwendung wir den einzelnen Häusern empfehlen, jedoch nicht vorschreiben können. Letztlich ist es den Partnern selbst überlassen, wie sie die Bereitstellung der Daten gewährleisten“, erklärt Höning.

Denken wir ein paar Jahre voraus, dann stehen also bald auch nichtuniversitäre Einrichtungen vor der Aufgabe, ihre Daten für klinische Zwecke verfügbar zu machen. Und auch für dieses Szenario  ist es entscheidend, die Daten erst einmal aus den einzelnen Silos hinauszubefördern und sie zu konsolidieren und zu standardisieren, damit sie ihren Beitrag zum medizinischen Fortschritt leisten können. Dass das keine leeren Versprechungen sind, zeigen die ersten publizierten Ergebnisse des MIRACUM-Projekts, die auf der Basis einer gemeinsamen Datennutzung zum Beispiel neue Erkenntnisse zum Darmkrebs gewonnen haben.

Wer also auch künftig qualitativ hochwertige, wirtschaftlich effiziente und moderne Medizin betreiben möchte, der muss sich schon heute auf den Weg nach Werkzeugen machen, um seinen Datenschatz zu bergen.