Durch die Glaskugel: Die Medizin der Zukunft
Wie sieht die Medizin in fünf bis zehn Jahren aus? Und welche Rolle wird die Radiologie dabei spielen? Wir haben Expertinnen und Experten gefragt. Ihre Antworten machen Mut – legen den Finger aber auch in manche Wunde.
Wenn Privatdozentin Dr. Mirjam Gerwing in die Zukunft schaut, sieht die Radiologin „alles auf einmal“. Vor ihrem inneren Auge erscheint ein Dashboard, das jede relevante Information enthält, die die stellvertretende Direktorin des Universitätsinstituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie der Klinikum Lippe GmbH in ihrer Arbeit braucht: die radiologischen Bilder natürlich, die Laborwerte, die Behandlungshistorie. „Und wenn ich auf eine Läsion klicke, hat eine Software diese schon volumetriert, segmentiert und Voruntersuchungen integriert, und vielleicht schlägt eine KI aktuelle Studien vor, die für diesen Fall relevant sein könnten.“
Das ist eine Vision, die womöglich in gar nicht allzu ferner Zukunft Realität werden könnte. Aber was braucht es technologisch, organisatorisch, politisch und gesellschaftlich, damit für die Medizin der Zukunft auch Fortschritt bedeutet? Wir haben mit Expertinnen und Experten gesprochen.
Droht die „Google-Radiologie“?
Was die Rolle ihrer Profession angeht, hat Mirjam Gerwing, die seit November 2023 als Präsidentin der Rheinisch-Westfälischen Röntgengesellschaft e. V. (RWRG) amtiert, eine klare Vorstellung: „Ich sehe uns in der Radiologie als Lenker des Patientenwegs“. Zugleich kennt sie die Sorgen der Kollegen genau, die zwischen KI-Hype und Sparzwängen eine Kannibalisierung und Marginalisierung der Radiologie befürchten. Die Vorstellung, dass zum Beispiel eine orthopädische Praxis mit Hilfe von KI-Modellen fachfremde Befundungen vornimmt, scheint so abwegig auch nicht. Gerade neue Möglichkeiten der KI könnten dazu führen, dass noch weitere Fächer dies anstreben – bis hin zu Szenarien einer „Google-Radiologie“, in der die Bildakquisition völlig ohne ärztliche Betreuung erfolgt und die Patienten die Bilder nach dem Hochladen auf einer Plattform durch eine KI auswerten lassen.
Für Gerwing wäre dies „auch aus Sicht der Patienten, die sich ja eine hohe medizinische Qualität wünschen, kein gangbarer Weg“, und aus ihrer Sicht kommen auch keine eigenständigen Diagnosen durch eine KI in Frage – was nicht heißen solle, dass dies in ferner Zukunft nicht möglich sei. Denn der technologische Fortschritt ist unabsehbar. Umso mehr sieht Gerwing ihre Profession in der Pflicht, sich durch Fort- und Weiterbildungen auf der Höhe der Zeit zu bewegen und neben den neuen Chancen auch die Risiken zu kennen, die der Fortschritt birgt. Der „KI-Führerschein“, der auf dem Radiologiekongress Ruhr 2024 erstmals angeboten wurde, sei ein Beispiel für die notwendigen Qualifizierungen.
Wie muss das Datenmanagement aussehen?
Klar scheint zu sein, dass der Zentralisierungstrend anhalten wird: sei es zu Netzwerken von Einzelpraxen, großen radiologischen Zentren oder auch Verbundlösungen auf Krankenhausebene. Was letztere angeht, zeigt sich Prof. Dr. med. Djordje Nikolic, Geschäftsführer der Beratungsagentur consus.health, tendenziell optimistisch: „Ich bin überzeugt, dass der Handlungsdruck aufgrund des Fachkräftemangels, der wirtschaftlichen Lage und den Folgen der Krankenhausreform so groß ist, dass die Lage für die Kliniken in fünf bis zehn Jahren nicht schlechter sein wird als heute.“ Es werde zwar „längst nicht alles gut sein“, auch seien Probleme durch zu wenige Leistungserbringer oder zu lange Wartezeiten nicht ausgeschlossen, „aber längst überfällige Strukturmaßnahmen und Anpassungen werden durchgeführt worden sein.“
Eine der Herausforderungen, die intern zu lösen sind, betrifft die Konsolidierung des Datenmanagements, findet Dr. Katharina Ginter, Senior Consultant Digital Health bei der Digital Avantgarde GmbH. Über 200 verschiedene Softwareapplikationen hat Ginter in den Krankenhäusern, die sie bei deren Digitalisierungsstrategie berät, vorgefunden. Interoperabilität und eine „möglichst vollständige, möglichst aktuelle zentrale Datenbank“ seien daher mehr denn je das Gebot.
Gelingt der Kulturwandel?
Doch so entscheidend technologische Innovationen für eine präzisere Diagnostik, bessere Workflows oder auch zur Entlastung von überbordender Bürokratie auch sind: Sie allein werden es nicht sein, die dafür sorgen, dass medizinische Berufe in Zukunft wieder attraktiver werden. Um den Fachkräftemangel entgegenzuwirken, braucht es in Praxen und Kliniken auch eine andere Arbeitskultur. „Wenn wir ehrlich sind, haben die meisten Krankenhäuser noch nicht einmal versucht, das Thema ‚New Work‘ anzugehen“, sagt Radiologin Mirjam Gerwing. Sie selbst versucht, so weit wie möglich neue Wege zu gehen und mit regelmäßigen Teamsitzungen die interprofessionelle Zusammenarbeit zu stärken.
Mehr davon wünscht sich auch Katharina Ginter, die an der Charité promovierte, ehe sie sich zum Seitenwechsel entschloss. „Viele Tätigkeiten, die heute Ärztinnen und Ärzten vorbehalten sind, könnten ebenso gut auch von anderen Berufsgruppen übernommen werden“, findet sie. Wer sich mit der 30-Jährigen unterhält, hört häufiger Begriffe wie „Wohlwollen“, „Respekt“ oder auch „Fehlerkultur“ – Basics im beruflichen Miteinander, deren Beherzigung noch nicht einmal viel Geld kosten würde.
Dies gilt auch für die wohl größte Herausforderung: den Perspektivenwechsel innerhalb des zweitteuersten Gesundheitssystems der Welt, das dennoch längst nicht immer das Optimum an Patientenwohl erzielt. Für Berater Djordje Nikolic liegt die zentrale Frage genau darin, nämlich „ob wir uns als Gesellschaft weiterhin leisten wollen, Gesundheitsversorgung rein über das Prinzip der Krankenbehandlung zu definieren. Vielmehr müsste der Ansatz des Gesundheitserhalts bzw. der Sekundär- und Tertiär-Prophylaxe einen ganz anderen Stellenwert erhalten. Krankheit zu verhindern ist schließlich ein völlig anderer logischer Aufbau einer Gesundheitsorganisation als das Prinzip zu fördern, Organisation, Verantwortlichkeiten und Vergütungsprinzipien erst für den Status zu definieren, wenn Krankheit eingetreten und behandelt werden muss.“


